Das automatische Brevier der veruntreuten Kurtisane

 


Soll das schon etwa die ganze maschinelle Revolution gewesen sein? Dieses Rattern und Stottern ihres Mineralgehalts beraubter und in unsäglichste Formen gepresster Erze? Wohl dem, so sei es. Derweil – auf dem gläsernen Aussichtsturm ihres hoheitsvollen Schlosses zur blauen Weide – ereignet sich anderes. Zwei Gesellen beliebiger Passion erörtern wortkarg das Paradoxon vom selben (?) Wort in verschiedenen Mäulern; die Zuhörenden auch. Jene, die da wären: sie, er und die gerade erwähnten zwei. Um aber zu einem Abschluss zu gelangen, kann nur einer nachgeben. So geschieht es und endet die Situation. Ihr Resultat, allerdings, verliert sich – aufgrund seiner nahezu vollendeten Belanglosigkeit – irgendwo zwischen ferneren Zeilen. Will man selbige suchen, dann darf man das tun: gern oder bald.
Bald – damit: bald – umschwirren Motten die sehr leeren, dabei noch recht enigmatisch fluoreszierenden Hüllen der Zurückbleibenden; ja, hier also warten sie auf Ideen – auf eine Befruchtung des ihnen immanenten Immateriellen durch ebensolches –, letztere, versteht sich; erstere – die Motten, wohlgemerkt – treibt Eigenartigeres an. Übrigens ist es dunkel, vielleicht Nacht. Zu den Motten: Ihre Herkunft ermüdet – gleichermaßen, darüber zu schreiben –, daher muss dieses Thema, mit Ausnahme dessen, dass, obzwar just aufgegriffen, es bereits hiermit wieder abgelegt wird bis wurde, unbehandelt bleiben. Analysiert nun ein bisweilen, bestimmt zumindest in vorliegendem Falle außergewöhnlich exakt beob- und auf kleinste Details achtender Observator das, was er seiner Wahrnehmung von ihrer Physiognomie entnimmt, drängen sich ihm unwillkürlich eventuell genau folgende Gedanken auf: „Ihr Fell ähnelt dem der Hyäne. An ihren langen, recht harmonisch ineinander verschlungenen Gliedmaßen reihen sich zahlreiche Poren, denen regelmäßigen zeitlichen Abstands winzige, nichtsdestotrotz überaus dunkle Tropfen entweichen. Die Basis ihres Schädels sitzt relativ starr auf einem wulstig nach vorne gerichteten Dorn – ein konisch sich verjüngender Auswuchs und zugleich fester Bestandteil des eher plumpen Thorax –; demnach wirkt er wie aufgespießt. Statt Augen drängt sich ein höchst lebendiges Gewimmel bedingt kurzer Fühler in jenen Sockeln, worin erstgenannte zu vermuten gewesen wären. Der Unterleib besteht aus zehn stark behaarten und wuchtig erscheinenden Segmenten, welche sich, dank ihrer scharf voneinander abgesetzten Grauschattierungen, sehr schön bis deutlich erkennen lassen. Abgesehen von ihren farbenfroh gemusterten Flügeldecken muss indes der überlange Saugrüssel als besonders markant bezeichnet werden. Seine Unterseite ist übersät mit zartesten Buchstaben; bei näherer Betrachtung entdeckt man, dass sie, indem sie verblassen und – durch die erwähnten dunklen und jetzt sich ausformend verlaufenden Tropfen ersetzt – sich neue und andere an ihrer Stelle bilden, einem fortwährenden und präzis getakteten Wandel unterliegen.“ Sehr aufschlussreich, Herr Observator – Hut ab! –, sehr, sehr aufschlussreich! In der Tat hat er exakt ins Schwarze getroffen, unser fiktiver und ausschließlich zur Veranschaulichung bemühter sowie hinzuerfundener Observator, und gar sich noch das Wichtigste für den Schluss aufgehoben. Lediglich vergaß er, in seinen Ausführungen zu erwähnen, dass die dunklen Tropfen mithilfe eines via die Fühler in den Augensockeln erzeugten Luftstromes zum Rüssel gelangen. Während das rapide Verblassen der Flüchtigkeit ihres Pigments samt Verdunstung der Trägerflüssigkeit geschuldet ist. Und das soll genügen, zur Illustration des Vorgangs per se; für uns relevanter präsentiert sich die erstaunliche Semantik des Geschrieben in seiner Gesamtheit. Nämlich handelt es sich um kurze exemplarische oder – besser – repräsentative Auszüge aus einem lyrischen/literarischen Werk unbestimmten und unbestimmbaren Umfangs – um ein extraordinär spezielles Brevier. In der richtigen Reihenfolge gelesen, offenbaren die zwischenzeitlich längst zu sinnvollen Worten und diese, wiederum, zu ganzen Sätzen zusammengefunden habenden Buchstaben auf der Epidermis der Rüssel davon einen je für sich stimmigen Text. Falls und sobald dann jener ruhelos von seiner Intention zu lesen Getriebene das für seine Augen schier magisch anmutende und progressive System erst einmal durchschaut, stellt sich auch die Lösung bezüglich einer Herangehensweise sehr viel einfacher dar, als es zu Beginn den Anschein haben mag. Der Schlüssel, hierfür: die zeitlich variierende, räumliche Position der Motten. Aha. Nun gut. Hochverehrter Herr Observator, bitte klären Sie uns auf! „Eine Motte durchläuft die Metamorphose, vor allen anderen – nie dieselbe Motte in Folge, stets der ungefähr gleiche Aufenthaltsbereich. Von ihr ausgehend entfaltet sich der Text. Fortfährt, die nächste und die nächste und die nächste etc. etc. etc.; das Prinzip bleibt, unverändert. Eine kurze Weile halten sämtliche Motten, einschließlich der Buchstaben, leidlich vage ihre Position – für gewöhnlich lange genug, dass in Ruhe gelesen werden kann. Anschließend schwirren sie wild und aufgeregt durcheinander, bis eine erneut am Anfang schwebt. Dynamisch kehrt Ordnung ein. Das Spiel etabliert sich – mit einem von seinem Vorgänger explizit divergierenden Text – von vorne.“ Herr Observator?... Vielen Dank! Herauszufinden, von welcher Position die Dinge aus ihren verschriftlichten Lauf nehmen – etc. etc. etc. –, gilt nunmehr als die einzige und gerade einmal nach Geduld, einem minimalen Quantum an Aufmerksamkeit sowie Beobachtungsgabe verlangende Herausforderung und mehr denn machbar. Ja, und ganz offensichtlich – hiervon zeugen ziemlich oder minder eindrucksvoll diese Zeilen – hat bereits, mit großem Bravour – ergo erfolgreich –, jemand/etwas diese Herausforderung bewältigt, sodass – schlussendlich, unaufhaltsam – die Frage nach dem Ursprung des Breviers ins Zentrum einer delikaten, weil entsprechend bewussten Begegnung – mit demselben! – rücken darf.
Gewechselt sei: der Ort des Geschehens. …
[Anm. d. Transkribierers: Leider (?) enden hier die Aufzeichnungen, entrissen den schwachen Händen einer sinistren, wiewohl katatonischen jungen Frau.]